Stöcke klappern, Ketten rasseln

Stöcke klappern, Ketten rasseln

16.11.2010 – RHEINHESSEN

Von Beate Nietzel

Mehr als 150 Sportliche bei letzter Wanderung des Jahres mit Gruseleffekt:

Als schließlich schauriges Kettenrasseln hinterm Gebüsch erklingt, düstere Schreie von der
Böschung widerhallen, Kürbisfratzen die Wegelagerer spielen und unruhige Fackeln ihr
spärliches Licht durch künstliche Nebelschwaden und die fortgeschrittene Dämmerung
werfen, ist das nur der krönende Abschluss zweier erlebnisreicher Stunden.

Größtes Hohlwegenetz Deutschlands

Mehr als 150 Wanderfreunde nutzen diesen letzten milden und sonnenverwöhnten Herbsttag,
um dabei zu sein, wenn die Rheinhessen-Walker auf ihre letzte Tour des Jahres gehen.
Das mit mehr als zehn Kilometer wohl größte Hohlwegenetz Deutschlands rund um Alsheim
ist diesmal das Ziel – eine weithin einmalige, von der Natur und Menschenhand
gleichermaßen geschaffene Kulturlandschaft.

„Normalerweise sind wir höchstens 50 Leute“, begrüßt Sigrid Krebs die größtenteils
bestockte und funktionsgewandete bunte Schar vor dem Alsheimer Bürgerhaus und ist,
mikrophonbewehrt, merklich überwältigt vom Zuspruch. „Die letzten haben sich noch heute
Morgen angemeldet“, erzählt die Rheinhessen-Walkerin, die zusammen mit Inka Gebhardt
und Barbara Lächele die Tour ausgearbeitet hat, die so zum ersten Mal angeboten wird.
Unterstützung garantiert dabei Hohlwege-Experte Heinz-Günter Kissinger vom
Verkehrsverein. Ihre Besorgnis, dass angesichts der großen Schar die bereitgehaltenen
Informationen versanden, ist jedoch unbegründet.

Ohnehin genießen die Wanderer von jung bis alt vor allem den grandiosen Blick, die
duftgeschwängerte Luft, die besondere Flora der Landschaft.

Mehr als 70 Höhenmeter

Nach 70 überwundenen Höhenmetern, vorbei am „Helmut Storf-Platz“ samt Ruhebank,
schweift das Auge über die blau scheinenden Konturen des Odenwaldes hinüber zu den im
späten Sonnenstrahl leuchtenden Bankentürmen Frankfurts, gen Süden strecken sich die
Schlote aus dem Ludwigshafener Industriegebiet empor. Hinter den Meilern in Biblis blinkt
es rot. „Ach, du meine Güte“, entfährt es einer Wanderin. Anton ist das egal.
„Für ihn ist das heute wie Weihnachten und Ostern zusammen“, deutet Herbert Wagner auf
seinen riesigen Irischen Wolfshund, der, auch wenn vom Wesen her aus nicht übermäßig
laufbedürftig, den langen Spaziergang genießt und sich lammfromm selbst von neunjährigen
Mitwalkerinnen führen lässt. „Ab und zu muss ich halt mit“, meint der Undenheimer
augenzwinkernd.

Immerhin ist Gattin Daniela eine der führenden Köpfe in der Rheinhessen-Walker-Riege und
unterstützt mit sieben weiteren Mitstreitern die Abschlussrunde.
Alte Hasen und Walking-Neulinge mischen sich fröhlich: Während Erna Barbig seit zwei
Jahren die Touren mitläuft und auch privat drei- bis viermal die Stöcke schwingt, ist dies für
zwei Damen aus Köngernheim die Premiere: „Das ist ein Geburtstagsgeschenk von meiner
Freundin“, freut sich Maria Horter über den Ausflug mit Anita Lavigne.

Schlendern zwischen Grabsteinen

Wild romantisch wird die Stimmung in den Mauern von Maria Magdalena. Schon senkt sich
die Dämmerung über die Hänge. Zwischen den alten Grabsteinen schlendern die Walker, ein
Glas Wein oder Saft in der Hand.

Seit mehreren Jahrhunderten ist die in der Spätgotik errichtete Kirche eine Ruine, die eine
Privatinitiative mit großem Einsatz renoviert hat.
Da haben die Wissbegierigen, die sich nicht durch „zuviel Talking beim Nordic Walking“
vom technisch korrekten Zusammenspiel von Schritt und Stock haben abbringen lassen,
bereits allerhand über die Kulturlandschaft der Hohlwege erfahren. Dass der Südwestwind
nach der letzten Kältezeit vor rund 10 000 Jahren den feinkörnigen roten Löss aus dem Elsass
und der Schweiz heran- und bis zu 40 Metern hoch aufgetragen hat, zum Beispiel.

Seltene Tiere und Pflanzen

Dass Regen und Wind die ersten Schneisen gegraben haben, Römer und Kelten die
Wirtschaftswege zwischen den Weinbergen ausbauten. Dass die Eisenbeschläge der
Holzräder den Quarz-Kalk-Boden weiter niederdrückten, und dass ab 1920 die Hohlwege
teilweise gepflastert wurden. Heute sind die viele Meter hohen Böschungen mit ihrem
besonderen Kleinklima Heimat für seltene Tiere und Pflanzen, die zum Teil schon auf der
Roten Liste stehen: 42 Schmetterlingsarten sind hier zuhause, ebenso wie die Steppenkirsche
oder kühle Farne.

Jede Wildbiene bezieht ihre eigene Wohnung, statt mit Artgenossinnen einen Staat zu bilden,
der Neuntöter spießt mit dem Stachel der Schlehe seine Beute auf, und der Ameisenlöwe ist
ein Raubtierchen ganz besonderer Art.
Die Rheinhessen-Walker führt die letzte Wandertour des Jahres auch zur Kirchenruine in
Hangen-Wahlheim.

Foto: photoagenten

Quelle: Allgemeine Zeitung